Sonntag, 2. Januar 2022

Mein Jahr 2021 - ein Resümee!

Diese Tage zwischen den Jahren lassen auch uns hier in Guinea etwas Zeit, um über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken. Am 30. Dezember las ich einen Spruch, der mich nun so bewegt hat, dass ich es hier formulieren möchte, dieses Bewegtsein. Dieser Spruch half mir, mein Jahr 2021 zu verarbeiten und loszulassen:

Mit Kummer vertraut sein, doch ohne Bitterkeit leben; 

an sich zweifeln, doch nicht verzweifeln; 

die Verborgenhiet Gottes schmerzlich empfinden und dennoch hoffnungsvoll glauben. 

Um die eigene Schuld wissen und doch in der Gnade stehen. 

Manches entbehren und doch alles haben.

Ich nenne es Christsein. Marie Hüssing  

Mit Kummer vertraut sein: fast täglich höre ich hier eine traurige, kummervolle Nachricht: Kinder, junge Mütter und gesunde starke Männer sterben an Krankheiten, Geburten, Operationen. Unfälle, Krankheiten und Verletzungen lassen die Menschen in die Armut fallen. Arbeitslosigkeit, Korruption in Spitälern, Gerichten, Ministerien lassen Leute verzweifeln. Ich bin ein aussergewöhnlich gerechtigkeitsliebender Mensch, ertrage es so schlecht, wenn Schwache noch mehr geschwächt werden, und wetze gerne die Messer, wenn es ungerecht zu- und hergeht. Für die Enneagrammkenner: ich bin eine Acht. Wie überlebe ich hier gesund, ohne bitter zu werden? Seit ich in Afrika lebe, lernte ich schmerzlich, diese "Ungerechtigkeitsnot" in den Himmel zu klagen. Es bleibt mir oft nichts anderes übrig. Meine Fähigkeiten und Möglichkeiten sind beschränkt, ich kann nur den bekannten Tropfen auf dem heissen Stein bewirken. Alles andere muss ich Gott überlassen, und er spricht mir zu, dass er ein Gott des Rechts und der Gerechtigkeit ist, und dass eines Tages Recht gesprochen wird. Wenn ich auf das vertraue, werde ich nicht bitter: eines Tages wird von oberster Stelle Recht gesprochen werden, dann bekommen diese machtgeilen Regierungen, diese geldgierigen Ausbeuter und diese korrupten Beamten ihren gerechten Lohn.

Wir oft habe ich an mir gezweifelt! Ist es richtig, wie und was ich mache? Lohnt es sich? Hilft es? Macht es Sinn? Es ist gut zu hinterfragen, nachzufragen und andere Meinungen einzuholen. Doch dann muss ich auch wieder loslassen und vertrauen, dass mein Vater im Himmel es dann schon zurechtbiegt, das, was ich vielleicht verbockt habe - nicht verzweifeln, vertrauen.

Wie oft habe ich nichts von Gott gespürt, meine Gebete schienen bis zur Decke zu gehen. So oft bete ich um Heilung für Kranke und nichts passiert. So oft schreie ich zum Himmel und bitte, dass der Herr sich erbarmt, und es geschieht nichts Offensichtliches. Und dann wieder geschehen kleine Wunder, manchmal auch grosse, manchmal nur ein herzliches Lächeln, ein: "Es geht mir besser" und mein Glauben wird wieder gestärkt.

Und so oft bin ich schuldig geworden an meinen Mitmenschen! Ein gehässiges Wort an meinen Liebsten, eine ruppige Antwort an meine Hausangestellte, ein beleidigter Gedanke, weil ich wieder mal zu kurz zu kommen scheine. Wie oft schaue ich neidvoll auf meine Kolleginnen, die es offenbar besser machen; und leider noch vieles mehr. Wie könnte ich da weiterleben, ohne zu wissen, dass da einer ist, der dies alles auf sich geladen hat und mich immer wieder gnädig annimmt und mir vergibt?!

Ja, ich entbehre einiges, nicht wirklich viel Materielles, es sind eher die Beziehungen, die fehlen;  die Nähe zu unseren Kindern, und dieses Jahr besonders die Nähe zu unserem ersten Enkelkind. Uns fehlen die Sauberkeit der Schweiz, die Sicherheit auf den Strassen, die optimale Gesundheitsversorgung des Westens - und doch: so vieles wurde mir geschenkt im Überfluss. So viele Freunde, die aus der Ferne mit uns mitgehen, unser Enkelbub, der via Facetime uns sein Lächeln sendet, die Bewahrung auf der Strasse, die Gesundheit (Covidkrank waren wir notabene in der Schweiz), die vielen fröhlichen Kinder, die einfach immer und überall sind. Die Möglichkeit bekommen zu haben, eine Vision Realität werden zu lassen, für Menschen ein Geschenk sein zu dürfen. Doch alles haben!

Nicht dass ich dies alles im Griff hätte - bei weitem nicht. Es ist und soll mir ein Leitfaden sein für das neue Jahr, das bereits begonnen hat - was macht aus mir eine gute Christin? - Maria Hüsing braucht fünf Sätze, um es zu formulieren - lassen wir uns davon inspierieren und motivieren.


Best friends


Montag, 11. Oktober 2021

Was ist mein Auftrag?

Die Diskussionen in den westlichen Medien in den vergangenen Wochen haben wieder einmal meine Gedanken angeregt, und ich komme einmal mehr nicht drum herum, auch noch meinen Senf dazu zu geben. Wenn man, wie ich, nun seit bald drei Jahren in einem der ärmsten Länder Afrikas lebt, werden Meinungen, die man hatte und glaubte, dass die richtig sind, nochmals auf den Kopf gestellt. Die meiner Meinung nach absurden Diskussionen zur Coronaimpfung und - massnahmen lassen mir sogar weit weg noch die Haare zu Berge stehen. Wie kann es sein, dass gerade die frommen Christen sich so ins Thema hinein beissen und in den sozialen Medien massenhaft Zeit verbringen, um in bissigen Kommentaren ihre Meinung kund zu tun. Es erschüttert mich, wieviel Zeit und Kraft hier eingesetzt wird für eine Kontroverse, die sich einfach nicht auflösen lässt. Haben wir denn nichts anderes zu tun, als uns Verschwörungstheorien zu widmen und uns tage- und monatelang darüber aufzuregen, dass unsere Regierung ein Covidgesetz durchbringen will. Kirchenleitungen werden genötigt, Unmengen von Zeit einzusetzen, damit es jedem Gemeindeglied irgendwie recht ist und unbedingt konfortabel ist. Ich habe mich in den letzten Wochen immer wieder gefragt, welches der Treiber und die Motivation dieser Menschen sind, sich so in diese Thematik hineinsteigern - entschuldigt die Wortwahl, aber es kommt mir nichts anderes in den Sinn. Ich lese zurzeit gerade die Evangelien in der Bibel und bin fasziniert vom Leben Jesu auf dieser Erde. Ich bin wieder neu beeindruckt von seinem Verhalten und dem Lebenswandel - oder -stil. Er begegnet in den wenigen Jahren seines Wirkens so vielen verschiedenen Menschen, und ich kann so viel von ihm lernen. Jesus ist hauptsächlich damit beschäftigt, sich den Ärmsten, den Waisen, den Witwen, den Kranken, den Behinderten, den Bettlern, den Kindern, den Frauen, den Ausländern, den Verachteten, den Geächteten, den Sündern zuzuwenden. Und gleichzeitig verbringt er viel Zeit mit seinen Jüngern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Fischer und Zöllner, Überhebliche und Zweifelnde, Vorlaute und Scheue. Er lehrt sie - er zeigt ihnen geduldig den richtigen "way of life". ER sagt: "Lasst die Kinder, Zöllner, Geschiedenen, Leprösen und die jenigen, die von bösen Geistern besessen sind, zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich." ODER: "Wer von euch der Erste sein will, der wird der Letzte sein und umgekehrt." Und immer wieder ermutigt und motiviert er sie, sich den Ärmsten, den Geringsten, den Geringachteten anzunehmen und sagt ihnen, dass sie damit ihn selber, Jesus, aufnehmen. Was für eine Umkehrung der Werte! Nirgends fordert Jesus die Jünger auf, die Gesetze in Frage zu stellen, sich mit der Regierung anzulegen, sich um sich selber und das eigene Wohl zu drehen. Im Gegenteil, er verspricht uns, wenn wir uns dem Nächsten zuwenden, dann wird es hundertfach auf uns zurückfallen - wir werden einen grossen Lohn im Himmel haben. Hier in Guinea sind diejenigen Menschen privilegiert, die Zugang zur Coronaimpfung bekommen. Es käme niemandem in den Sinn, dagegen auf die Strasse zu gehen. Noch verrückter: wieder einmal mehr können wir hier beobachten, dass die Einflussreichsten und Geldreichsten auf wundersame Weise Zugang zur besten Impfung wie Johnson/Johnson oder AZ bekommen - das allgemeine Fussvolk freut nur schon, wenn sie nach stundenlangem Anstehen, die chinesische Variante bekommen.Das ist leider die Ordnung der Welt. Letzte Woche konnte ich einen Blick in die Neonatologie des Unispitals Conakry werfen: da liegen in vier einfachsten stickigen Räumen geschätzte 200 Babys, alle entweder zu früh geboren, zu krank, zu behindert, zu klein. Paar wenige Ärzte und Pflegepersonen versuchen das Schlimmste zu verhindern und haben mich doch so mutlos angeschaut - es fehlt an allem, die Mütter drücken den Winzlingen paar Tropfen Muttermilch in den Mund und hoffen, dass das Baby es schluckt und somit die nächsten Stunden überlebt. Da kam mir das Wort Jesu in den Sinn: das sind die Niedrigsten, die Ärmsten, die Geringgeachteten. Und für diese kam Jesus auf die Welt und er fordert uns auf, unser Leben für diese Menschen zu geben. Lasst uns aufhören, darüber zu debattieren, ob die Impfung uns schadet und uns nur 90 statt 95 Jahre alt werden lässt, konzentrieren wir uns wieder auf das Wesentliche, das was Jesus uns lehrt in den Evangelien und das immer noch topaktuell ist.
Haupteingang zur Neonatologie
Drillinge, die wahrscheinlich nicht überleben werden

Montag, 5. April 2021

Durchkreuzte Pläne

Ich schreibe diesen Post in der Schweiz, vor genau 5 Wochen sind wir in Zürich Flughafen gelandet - voller Vorfreude und Spannung, es sollten vier Wochen Ferien werden, in denen wir unseren neugeborenen Enkel Eli kennenlernen wollen.

Doch kaum in der Schweiz gelandet, erkranken zuerst mein Liebster und sechs Tage später auch ich an Corona - wahrscheinlich angesteckt im Testzentrum in Conakry, wo wir einen negativen Test bekamen, um fliegen zu können. Nun sitzen wir knapp drei Wochen in Isolation, krank, schwach, fiebrig, hustend, verschnupft und enttäuscht. Durchkreuzte Pläne - alles war so schön geplant, organisiert und budgetiert. Nun auf einmal ist alles anders. Schock, Trauer und Wut lösen sich ab. Gut gemeinte Worte wie: "Geniesst die Ruhezeit, sicher soll diese Zeit für etwas Gutes sein", wollen anfänglich nicht so geglaubt werden und trösten nicht. Doch dann kommen auch Gefühle und Gedanken der Dankbarkeit hinzu: wir sind in der Schweiz, wir sind medizinisch versorgt, die Spitex bringt uns die Medikamente, liebe Freunde kaufen ein und versorgen uns. Wir sind in der grösstmöglichen Sicherheit. Und viele Freunde leiden echt mit uns mit, so berührend ist das. Ich habe Zeit zum Nachdenken: wie flexibel bin ich? Wie reagiere ich, wenn meine Pläne nicht aufgehen? Auflehnung, Abwehr, Ergebung? Es hat ein bisschen von allem dabei. Irgendwann geht es dann aufwärts, wir geniessen nun das Grosselternsein intensiv und verschieben unsere Abreise um eine Woche. Vorsorglicherweise machen wir nochmals einen Test - dieser könne lange positiv bleiben, "ermutigen" uns einige Leute. Wir glauben nicht so recht daran - wir sind ja wieder einigermassen genesen. Doch leider kommt es genau so: mein Liebster, der eher krank wurde und schneller wieder gesund, ist noch positiv - und ich, noch rekonvaleszent, bin bereits wieder negativ. Wir können ja nur fliegen mit einem negativem Test. Und wieder geht es los: was sollen wir tun? Wer kann uns in Conakry vertreten? Wie lange dauert das an? Wieder umplanen, neue Unterkunft suchen, wir begnügen uns mit den wenigen Kleidern, die wir dabei haben. Gleichzeitig erwacht die Freude, die warmen Frühlingstage zu geniessen und mit Freunden und Familie Ostern feiern zu dürfen. Nochmals drei geschenkte Tage mit unseren Kindern. Langsam gewöhne ich mich an den Gedanken, alleine zurückzureisen. Vor ein paar Tagen wäre das noch keine Option gewesen, nun kommt eine Ruhe und Gelassenheit vom Himmel her - doch, ich kann es mir vorstellen, alleine zurückzufliegen. Und gleichzeitig bin ich überzeugt, dass der nächste Test in dieser Woche für BEIDE NEGATIV ausfallen wird. Wir wollen zurück in unsere zweite Heimat, wo wir erwartet, gebraucht und zu Hause sind. Und sollte es wieder nicht so kommen wie geplant: ich möchte lernen, meine Pläne durchkreuzen zu lassen, anzunehmen, was mir vor die Füsse gelegt wird und darauf zu vertrauen, dass aus Durchkreuztem Gerades und Entwirrtes wird. Es ist wieder ein Stück Lebensschule und etwas schmerzlich realisiere ich, dass ich noch lange nicht ausgelernt habe.




vor Abflug in Conakry

 

langes Anstehen und viele Kontrollen
gut geschützt....

Geschenkte Zeit  
Lago Maggiore im Vorfrühling - wir geniessen es!

Sonntag, 13. Dezember 2020

Weihnachten in Westafrika - Passt das?

 Nun erleben wir bereits die zweite Advents- und Weihnachtszeit hier in Guinea und auf Instagram, FB, WhatsAppstatus und Co. bewundere ich die Kollektionen von Weihnachtsbäckereien und -dekorationen, die mir aus Europa übermittelt werden. Alles sieht so wunderbar aus und duftet wohl auch gut - nur lässt sich dies über social media (leider noch) nicht übermitteln. Aber und wieder will sich bei mir keine so richtige weihnächtliche Stimmung einstellen. Sicher liegt es auch daran, dass es hier seit vielen Wochen einfach saumässig heiss und feucht ist, und ich von morgens bis abends und von abends bis morgens fast ununterbrochen schwitze. Beim Guetzlibacken schmolz der Teig und meine Lust zum backen in nullkommaplötzlich davon. Vorhin überlegte ich, ob ich wohl jetzt endlich heute - schlussendlich ist bereits der 3. Advent - das einzige aufgestellte Kerzli anzünden soll. Doch ich entschied mich wiederum dagegen - allein der Anblick einer Kerzenflamme treibt mir den Schweiss wieder aus allen Poren.

Doch es sind nicht nur das andere Klima, der fehlende Schnee und Weihnachtsmärkte, die diese festliche Stimmung dämpfen. Es ist etwas Anderes: hier in Guinea herrscht KEINE Weihnachtsstimmung, es gibt kein Glanz und Gloria, es existiert keine heile Welt. Der Grossteil der Menschen hier kämpft ums Überleben, sie sind geplagt von Krankheiten - Covid-19 ist noch die Harmloseste davon. Die Kinder sterben an Malaria, Durchfall und misslungenen Blinddarm-Operationen. Die Mütter sterben wegen mangelnder Hygiene bei der Geburt oder weil sie einfach zu schwach sind nach 8 und mehr Schwangerschaften. Sie leben zu zehnt auf 4 Quadratmeter, sie essen jeden Tag Reis mit Sauce. und das Wort Freitzeitbeschäftigung existiert nicht in ihrer Sprache. Die Kinder können nicht zur Logopädin, die Eltern gehen nicht in die Erziehungsberatung und es gibt keine Abklärung bei einer Lernschwäche. Die Väter bekommen auf dem Sanitätsposten die Medikamente und die ärztliche Behandlung für ihre Familie erst dann, wenn sie das Bargeld auf den Tisch legen. Anschliessend bekommen sie keinen Rückerstattungsbeleg für die Krankenkasse, weil es die nämlich gar nicht gibt. Überall liegt Dreck und Abfall, die Wasserleitungen werden nicht geflickt, und wenn kein Strom kommt, dann kommt halt keiner. Fertig. Schluss. 

Und da schiesst es vor einigen Tagen wie ein Blitz in mein Herz hinein, in dieses Herz, das gerade nur noch das Schwere, Traurige, Ungerechte und Unvollkommene sieht: genau in diese Welt ist unser HEILand, unser Retter und unser Immanuel-Gott mit uns - hineingeboren worden. Plötzlich kommt es mir vor, als wäre Conakry das Bethlehem von damals: stinkig, ärmlich, überfüllt mit heimatlosen Menschen. Schafe und Ziegen ziehen durch die Strassen - die Hirten kommen mir in den Sinn. Sie waren die Ersten, die das *Ehre sei Gott in der Höhe* hörten. Und mein Herz wird wieder froh: Weihnachten ist nicht Glanz, Glitter, Kerzenschein und Guetzliduft: Es wird Weihnachten überall da, wo der Friedefürst, Wunderrat und ewig Vater hineinkommt und Erlösung und Heilung bringt. Dieses kleine Baby im Stall von Bethlehem bringt Hoffnung und Frieden in die verlorene, stinkige, arme und ungerechte Welt - oh lasset uns anbeten, oh lasset uns anbeten den König der Könige!


Lasst uns einstimmen in das wunderbare Lied von Chris Tomlin:

In Bethlehem one holy night
A host of angels filled the sky
They sang to tell the world who weits
Our Savior comes this Christmas Day

God is with us, Christ our Savior
Jesus our Emmanuel
he shall reign our King forever
the hope of Israel (Guinea)

The wise men traveled from afar
They followed close a shining star
With costly gifts before Him lay
Our King was born this Christmas Day

Peace on earth, goodwill to men
Let violence and all hatred end
For born to us the Prince of Peace
This Christmas Day our song shall be

YOU`RE THE HOPE OF ISRAEL (GUINEA)



Sonntag, 20. September 2020

Katapult

Lange schon wäre ein Blogeintrag fällig - doch mein Hirn war mit so vielem anderem besetzt, dass ich keinen klaren Gedanken in die Tastatur hineinbrachte. Heute will ich es versuchen, schreiben ist ja bekanntlich hilfreich zum verarbeiten. Heute vor fünf Wochen haben wir in Zürich Flughafen eingecheckt und landeten knapp 12 Stunden später in Conakry. Es wäre eigentlich eine problemlose Reise, wenn nicht die weltumspannende Krankheit und Thema Nr. 1 mit uns geflogen wäre - Covid 19. Schon im Vorfeld gab es viele Unsicherheiten, -zig unterschiedlichste Informationen, Flugpreise, die täglich stiegen, Gültigkeitsdauer der Testresultate, die sich fast täglich verkürzten und Visa, die scheinbar nicht mehr gültig seien, obwohl wir unseres erst im Februar erneuerten. In Zürich waren wir zusammen sieben Erwachsene und zwei Kinder, die denselben Flug nahmen und beim Check-in bekamen alle eine andere Auskunft: bei den einen war das Visa gültig, bei den anderen nicht, obwohl es genau das Gleiche war. Bei den einen war der Covidtest ok, bei den anderen zu alt. Eine Kollegin, die für dieselbe Organisation arbeitet wie wir es tun, bekam die Auskunft, dass sie keine Berechtigung habe, in Guinea einzureisen; uns hingegen liessen sie durch. Der Puls und der Blutdruck waren schon angestiegen, als wir dann alle, wirklich alle, drei Minuten vor Schalterschluss durch die Schranke gingen. Dies verdanken wir dem guineischen Konsul in Genf, der doch tatsächlich am Sonntagmorgen früh an sein direktes Telefon ging und uns die Einreise per Emailbestätigung direkt an den Check-in Schalter bewilligte! "Wie wird das erst in Conakry bei der Imigration werden, wenn die bereits in Zürich so schwierig tun!" Dieser Satz ging uns allen durch Kopf und Herz. Doch oh Wunder, von da an lief alles wie geschmiert. In Conakry Flughafen ist alles gut organisiert, Füsse aufgemalt am Boden, überall genügend Leute, die peinlich darauf achteten, dass wir genau auf diese Füsse stehen. Bei der Passkontrolle war zwar noch etwas umständlich, aber wider allen Erwartens stehen wir bald einmal mit 9 Personen und total 17 Gepäckstücken und nochmals sovielen Handgepäcken auf dem Parkplatz, wo wir von unseren einheimischen Mitarbeitern herzlichst empfangen wurden. Unerklärlicherweise fehlt ein Gepäckstück - na ja, unsere Kollegen nehmen es gelassen, das wird schon noch irgendwann nachkommen.

Guinea hat uns wieder oder besser gesagt: wir haben Guinea wieder. Schon auf dem Weg nach Hause fühle ich mich wie von einem Katapult geschossen, hinein in eine andere Welt. Und so geht es mir die ersten 3-4 Wochen hier in Conakry. Obwohl ich bereits 15 Monate in Conakry gelebt habe, fühlt es sich gerade sehr komisch an. Der Unterschied zwischen Schweiz und Guinea könnte wohl nicht grösser sein. Durch den Lockdown bedingt haben wir in der Schweiz die Natur und die vielen Annehmlichkeiten wohl noch mehr genossen und es richtig in uns aufgesogen. Nun sind wir zurück in unserem Gastland ohne die rosarote Brille, die wir bei unserer ersten Einreise noch trugen. Die Realität wird mir schmerzlich vor Augen geführt. Dieser chaotische Verkehr, dieser Dreck, der vor allem in der jetzt herrschenden Regenzeit noch offensichtlicher ist, diese Armut überall. Es braucht doch einige Tage, bis ich mich wieder zurechtfinde, vor allem in meinen Gefühlen und Gedanken. Was ist es denn eigentlich, was mich hierher zurückgezogen hat? Es sind die Menschen! Wir werden überall so herzlich und freudig empfangen und begrüsst. Ich höre wieder die Kinder und das quirlige Leben auf der Strasse. Das ist es, was ich in der Schweiz vermisst habe! Die Leute freuen sich und können es nicht glauben, dass wir zurück sind. Sie meinten, wir seien auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Und nun sind sie wieder da, die Weissen! Und es macht Sinn, hier zu sein. Wir  haben viele Pläne und Ideen, wollen umsetzen, was wir in der Schweiz in unseren Köpfen ausgeheckt haben. Einiges wird gelingen, anderes nicht. Doch wir wissen, dass wir am richtigen Platz sind und die richtige Aufgabe haben.

Zwischenlandung in Mauretanien



 

           
Monsieur Pierre ist wieder da    
    
Und auch Madame...

Donnerstag, 16. April 2020

Zuhause in der Schweiz - wirklich zu Hause?

Das Ziel wäre gewesen, einen Blogbeitrag zu unserem einjährigen Guinea-Jubiläum zu schreiben - dies war Ende Januar 2020 fällig, der Entwurf ist immer noch vorhanden. Doch es kam nie zur Veröffentlichung. Die vergangenen zweieinhalb Monate waren die intensivsten, traurigsten, stressigsten und zugleich fröhlichsten Monate unserer Zeit hier in Conakry. Oh nein, Entschuldigung - während ich schreibe, sitze ich in unserem Haus in der Schweiz, die Sonne scheint mir ins Gesicht, die Amsel singt, und ich trage den dicken Pullover, damit ich nicht friere. Die Ereignisse überstürzten sich in den letzten vier Wochen, man kann es gar nicht in Worte fassen. Wir sind nun fünf Wochen früher als geplant in die Schweiz zurückgekehrt, weil uns leider das Coronavirus, wie fast allen anderen Menschen auf dieser Welt auch, einen Strich durch die Terminplanungsrechnung gemacht hat. Nach langem Hin und Her haben wir uns entschlossen, das Land bereits jetzt zu verlassen und in die sichere Schweiz zurückzukehren. Wir können für unsere Freunde in Guinea nicht mehr viel tun, Sie kennen besser als wir - auch wegen der überstandenen Ebolaepidemie - die Massnahmen, die man treffen kann und muss.

Noch nie in meinem Leben fühlte sich mein Herz so zweigeteilt an wie jetzt: ich fühle mich hier in der Schweiz aber auch dort in Conakry zu Hause. Seit ich hier bin, möchte ich dort sein - als ich dort war, wollte ich hier sein - natürlich auch und vor allem wegen unseren Kindern. Aber auch dort haben wir unsere Kinder, keine leiblichen zwar, aber viele ans Herz gewachsene. Ich bin hier in Sicherheit und habe alles und noch viel mehr, was ich zum Leben brauche - meine Freunde dort können nur von Tag zu Tag leben, auf der Suche nach Nahrung, nach sauberem Wasser für die jetzt so nötige Händehygiene und mit dem fast unmöglichen Versuch, das social distancing irgendwie einzuhalten.

Flughafen- und Grenzöffner
So beschäftigen mich die Fragen: wieso habe ich den schönen roten Pass, der mir einen Rückführungsflug ermöglicht hat und der mir eine Heimat garantiert, die zwar verändert ist, aber in meinen Augen der Himmel auf Erden ist? Ich habe eine Regierung, die für das Volk denkt, die jede Berufsgruppe irgendwie im Auge behält, die überlegt und weise handelt, die keinen eigenen Profit aus der schlimmen Lage schöpft und die versucht, gerecht für alle zu entscheiden. Im Laden hat es zwar gerade keinen Blätterteig mehr, aber morgen ist das Gestell wieder aufgefüllt. Wieso gerade ich und nicht meine Nachbarin in Conakry? Diese Fragen sind nicht neu, weder für dich noch für mich, aber heute gerade wieder sehr aktuell. Ich könnte den ganzen Tag nur danken für alles, was ich da einfach so habe und gleichzeitig weinen über diese Ungerechtigkeit in dieser Welt.
Dies alles motiviert mich aber unglaublich, weiter zu hoffen und zu glauben, dass unser Tropfen auf den heissen Stein weiterhin Früchte trägt, es motiviert uns, bereits wieder an eine Ausreise nach Guinea zu denken und zu hoffen, dass es bald wieder Flüge geben wird, die uns in das uns liebgewonnene Land und zu den lieben Leuten zurückbringen. Wir lassen uns von den vielen Schwierigkeiten nicht aufhalten, den Menschen Hoffnung zu bringen, sie zu ermutigen und sie auszubilden.
Ich wünsche mir sehr, dass auch wir Schweizer aus der Krise lernen, dass wir merken, dass weniger auch mehr sein kann. Wenn wir auf etwas verzichten, bleibt etwas mehr für diejenigen, die wenig oder nichts haben. Lasst uns diese Menschen nicht vergessen, sie können nichts dafür, dass sie keinen roten Pass haben!



Sie können es nicht glauben, dass wir weggehen!

Wie gross werden die sein, wenn wir zurückkommen?





Sonntag, 8. Dezember 2019

Heimat und Entschleunigung

Nun sind wir also bereits über 10 Monate in Westafrika zu Hause - ja, tatsächlich, ich schreibe "zu Hause" - es ist ein bisschen Heimat geworden - vieles ist gewohnt oder man hat sich daran gewöhnt - Nestbau, auch hier in Conakry, der hässlichsten Hauptstadt der Welt, wie es uns ein Freund vor unserer Ausreise schmackhaft gemacht hat...Doch was macht Heimat aus? Für mich ist es ganz einfach: da, wo man sich angenommen und geliebt fühlt, wertgeschätzt, willkommen halt. Und so will und kann ich damit leben, dass ich an verschiedenen Orten auf der Welt zu Hause bin - in der Schweiz bei meinen Kindern und Familie und Freunden und hier in Guinea bei unseren neugewonnenen Freunden. Die guineischen Nachbarn sind mir ans Herz gewachsen, die vielen Kinder, grosse und vor allem die Kleinen, die Mütter mit den Babys am Rücken. Alle sie wärmen mein Herz, wenn sie mir begegnen. Immer ein freundliches Grüssen, ein Nachfragen nach der Gesundheit und der Familie. Hier ist niemand in Eile und kreuzt meinen Weg nicht mit einem Tunnelblick, im Gegenteil - trotz viel Anstrengung und Arbeit, die der Alltag hier für alle bringt, alle haben Zeit für einen kurzen Schwatz.
Wenn jemand in Eile ist, dann bin ich das - schnell schnell noch einkaufen, aber das funktioniert nicht: als ich vor Kurzem wirklich in Zeitdruck und mit einer langen noch "to do List" in meine Einkaufsboutique ging, war die ganze Belegschaft gerade am Reis essen und das am Boden sitzend beim Eingang - keine Chance, irgendwie in den Laden zu gelangen. So hiess es also für mich, Zähne zusammenbeissen und überlegen, wie ich diese Situation auch ohne innerlichen Wutanfall bewältigen könnte. Zu meinem Glück zahlte sich dann aus, dass ich bereits "best friend" mit dem Ladenchef bin - er spürte wohl mein Dilemma und bot mir seine Hilfe an: er meinte, er könne ja schon mal mit Quittung schreiben beginnen. Da ich gut schweizerisch einen Einkaufszettel geschrieben hatte, konnte ich ihm vorlesen, was ich dann nachher kaufen möchte. Quittung schreiben dauert doch eine Weile, jedes Produkt einzeln aufschreiben - aber zuerst noch den Block suchen, dann den Kugelschreiber suchen, der dann aber nicht schreibt - im Laden eine neue Schachtel mit Kulis suchen und dann kann es beginnen. Nach der Quittungsschreiberei war dann der Reistopf auch leer, und so konnte mit dem Zusammensuchen meiner gewünschten Produkte begonnen werden. Nur: die Oliven, die Madame möchte, diejenigen ohne Steine, sind nicht vorhanden - also der "Petit" oder Lehrling wird losgeschickt in die Nachbarläden, um "olives dénoyautées" zu suchen. Die er dann auch findet - nur der Preis ist natürlich anders, als derjenige, der bereits auf der vorgeschriebenen Quittung steht. Im letzten Augenblick konnte ich verhindern, dass die ganze Prozedur mit neuer Quittungsschreibung wieder von vorne beginnt - weil durchstreichen ist hier nicht vorgesehen... wir einigten uns dann auf den bereits aufgeschriebenen Preis zu meinen Gunsten. Entschleunigung würde das wohl im Westen heissen - wo es auch ausgeschriebene, teure Kurse und Seminare gibt, um Entschleunigung zu lernen. Hier in Afrika ist das gratis und täglich zu haben - für mich als effizient und organisiert denkender Mensch eine Lebensschule.
Noch zurück zum Einkauf: seit ungefähr 6 Monaten bekomme ich immer nach jedem Einkauf ein gekühltes Tonic geschenkt, weil der Ladenchef sehr schnell gemerkt hat, dass es das Lieblingsgetränk von Madame ist. Und dies ist bei dieser Hitze in der ungekühlten Boutique und 90 % Luftfeuchtigkeit ein lebensrettendes Detail. Ah ja, und noch dies: der Stempel "payé" war auch verschwunden - so nahm er nach  Suchen den Stempel "non payé" und strich das "non" wieder durch.............