Montag, 23. September 2019

Spannend oder spannungsvoll?

Von Natur aus bin ich ein Mensch, der gerne Probleme löst und zwar schnell und effizient und möglichst mit wenig Aufwand - es ist nicht so, dass ich es immer gerne harmonisch hätte, aber Disharmonien, Spannungen und Probleme sind dafür da, dass man sie auflöst, entspannt oder eben löst. Nun begleitet mich schon seit längerem das Thema spannungsvoll leben und habe auch noch grad eine Ausgabe von AUFATMEN zu diesem Thema gelesen. Unglaublich spannend!

Seit ich und wir hier in Westafrika leben, ist unser Leben noch viel spannungsvoller geworden. Im Auto sitze ich immer wie eine gespannte Feder, jederzeit bereit, eine Vollbremsung oder ein Ausweichmanöver zu vollziehen, also es gibt keine entspannte Sonntagsfährtli mehr, niemals. Entweder ist der Verkehr so chaotisch und dicht, wie hier in der Stadt oder dann die Strassen so voller verschieden grosse und tiefe Löcher. Oder dann die Sache mit dem Geld: Geld ist überall und immer ein Thema und immer spannungsvoll: wieviel soll man geben, damit man bekommt, was man möchte? Eben putzt mein Mann Klinken in den Ministerien und im Zoll und im Hafen, damit er einen Schiffscontainer gefüllt mit medizinischem Material rausholen kann - überall ist Geld gefragt: für nötige Unterschriften, für Hafengebühr, für Hafenstrafgebühr, weil die nötige Unterschrift tagelang fehlte, für Containerbenutzungsgebühr, die viel länger dauerte, weil eben die besagte Unterschrift fehlte, weil der zu Unterschreibende angeblich in den Ferien sei und das Dossier im Büro eingeschlossen war und natürlich kein Stellvertreter ernannt wurde. Diese Geschichte entpuppte sich dann aber als falsche Geschichte, da das Dossier in einem anderen abgeschlossenen Büro lag und somit tage- und wochenlang unauffindbar war. Tägliche Anfragen für Geld bringen mich in grosse Anspannung: ist diese Anfrage berechtigt, was wenn ich nicht gebe? Es könnte sein, dass dann ein Kind stirbt, weil der Vater kein Geld (von mir bekommen) hat, um die nötigen Medikamente zu bezahlen. Es könnte aber auch sein, dass das Kind putzmunter ist und der Vater einfach gerne ein neues Handy möchte... Es kommt dazu, dass die meine westliche Denkweise eine völlig andere ist als die Denkweise der Afrikaner:
Folgendes habe ich heute gerade gelesen:

v  In Afrika gilt:
     Wenn jemand auf eine Besorgung geht, um einen Kauf für jemand anderes zu tätigen und ihm ein grösserer Betrag gegeben wird, als für den Kauf nötig ist, wird die Person, die die Besorgung durchführt, das Rückgeld normalerweise behalten, es sei denn, sie wird darum gebeten, es zurück zu geben. 
a Im Westen gilt:
v      Ein Westler erwartet, dass, wenn eine Person für ihn einen Kauf tätigt, alles Rückgeld als Eigentum des Westlers betrachtet wird und automatisch zurückgegeben werden muss, es sei denn, er sagt ausdrücklich: "Behalte das Rückgeld".
  ODER ein anderes Beispiel:  

v      In Afrika gilt: 
     Ressourcen sollen genutzt und nicht gehortet werden.

v     Das Geld muss ausgegeben werden, bevor Freunde oder Verwandte darum bitten, es zu "leihen".
      Im Westen gilt: je mehr ich auf dem Bankkonto habe, desto besser für meine Zukunft, für meinen Ruhestand

      Wer hat jetzt recht? Gilt meine Überzeugung oder die der Afrikaner? Eine echte Spannung! Und diese Spannung kann ich nun wirklich nicht auflösen - ich muss und will lernen, damit zu leben. Ich lerne von anderen, die schon länger hier leben, manchmal höre ich auf meinen Bauch und ein anderes Mal auf mein Herz. Und ab und zu schalte ich auch noch den Kopf ein.

      Und ich glaube es ja gar nicht!!: Eben schreibt mein Mann ein WhatsApp (stimmt im Fall wirklich, währenddem ich diesen Blog schreibe!!!): "ein Wunder: Hafen hat Strafgebühr von 8 Mio GNF annulliert und Maersk (Container) hat Mietgebühr um 30% auf 9 Mio GNF reduziert!" 
      Da soll Frau noch durchsteigen! Aber wir nehmen es dankbar an - wieder mal eine von vielen Spannungen gelöst, na ja fast - 9 Mio ist doch noch ein heftiges Sümmchen.
      Es bleibt spannend! (und die Formatierungen in diesem Text auch;-( )

  

 
Brücke und Frau unter Spannung

spannungsvoller Heimweg

Samstag, 13. Juli 2019

Wir sind (keine) Helden!

Nun hat die Regenzeit richtig eingesetzt - fast täglich regnet es ein paar Stunden, die Stadt verwandelt sich dann in ein Schlamm- und natürlich Abfallloch. Es ist kein schöner Anblick und es ist auch nicht wirklich beflügelnd hier zu leben. Aber wir wissen, dass wir am richtigen Ort sind. Wir leben in unserer Berufung und leben auch unseren Traum, der ab und zu zum Albtraum wird. Viele Freunde schreiben uns, dass sie uns bewundern, dass wir hier leben können und diese Hitze, Feuchtigkeit und Dreck aushalten. Diesen Aussagen habe ich nachgedacht: sind wir wirklich Helden? Nein, ganz klar nicht - wir machen das, was uns Gott vor die Füsse legt, in unserem Fall ist es nun halt Leben und Arbeiten in Conakry, Guinea, Westafrika. Oft muss ich aber an die Menschen denken, die vor uns schon da waren, über viele Jahre hier gedient und gearbeitet haben. Sie haben Spitäler, Schulen und Werkstätten aufgebaut und dies noch unter viel schwierigeren Verhältnissen, als dass wir es haben. Kein Internet, kein Supermarché, kein Stadtstrom und Stadtwasser. Zum Beispiel C.-L. und H., die uns über Jahre ermutigt haben, hierhin zu ziehen, haben hier in Conakry u. a. ein Augenspital aufgebaut, das nun schon länger in guinesischen Händen liegt und funktioniert. Unzählige Hürden mussten überwunden werden, Geld gesucht, gegen Korruption gekämpft und viele Rückschläge erduldet werden - das sind für mich die Helden, auch wenn sie sich selber auch nicht so sehen. Klar, also wenn ich ganz ehrlich bin, manchmal bin ich ein klein bisschen stolz auf mich/uns, dass wir es gewagt haben, unser Leben auf den Kopf zu stellen. Aber Stolz ist ja bekanntlich nicht christlich...😜. Also, stolz sein ist vielleicht falsch, aber auf jeden Fall und ganz sicher ist, dass uns nichts Besseres passieren konnte, als dass wir uns nochmals aufmachten und die Sicherheit der Schweiz verliessen. Oft sagen wir zueinander: also, wenn es keinem Guineer etwas nützt, dass wir hier sind - uns nützt es hundertprozentig etwas (tönt jetzt wieder unheimlich egozentrisch...): unser Blickwinkel wird weiter, unsere bisherigen Prioritäten werden überdacht und neu justiert und: wir haben nie mehr kalte Füsse! Schön wäre natürlich, wir könnten auch ein Spital oder eine Schule gründen, um vielen Kindern zum Lernerfolg zu verhelfen. Aber das liegt letztlich nicht (nur) in unseren Händen. Zurzeit machen wir täglich das, was uns vor die Füsse und Hände gelegt wird. Ganz normal und unheldenhaft.

Wo ist Walter... äh, Peter?
öV in Conakry



Nach dem Regen...
....kommt immer wieder die Sonne




Sonntag, 9. Juni 2019

Alltag mit Farbtupfer

Der Alltag in Conakry ist auch bei uns angekommen - nun sind wir also hier und werden, so Gott will, die nächsten Jahre in diesem Land leben. Dies kommt mir immer noch recht komisch vor und manchmal muss ich mich in den Arm kneifen: ist das wirklich so? Leben wir nun tatsächlich in Afrika? So richtig Alltag ist es aber wirklich nicht - so vieles ist noch ungewohnt und vor allem die kulturellen Unterschiede beschäftigen uns täglich. Wieviel von unseren Werten kann und will ich unseren afrikanischen Mitarbeitern vermitteln resp. aufpfropfen? Wo muss und soll ich mich anpassen - wo sollen die Mitarbeiter sich unseren Werten anpassen? Dies sind never-ending Fragen, und deshalb wird es eigentlich nicht so richtig alltäglich. Wo fängt Korruption an, wo hört sie auf? Wo bin ich involviert? In einem Land, wo es fast nichts gibt, ohne dass man korrupt ist und wird? Gebe ich dem Polizisten auf Platz gleich sein Taschengeld, oder wenn ich es nicht mache, dann verteile ich Stunden und endlose Diskussionen später auf dem Polizeiposten dem Polizisten und seinen 5 Kollegen ihr Taschengeld? Immer mal wieder packt mich auch die Wut über dieses korrupte System: warum muss ein Baby im Spital sterben, weil das Pflegepersonal die nötigen Medikamente anderweitig verkauft und das Geld eingesackt hat? Und zugleich wissen wir, dass die Spitalangestellten so schlecht bezahlt werden, so dass sie ohne "Nebenverdienste" nicht überleben können. Und dann gibt es diese unverhofften Farbtupfer im Alltag, die ich so liebe: die vielen Kinder, denen ich überall und immer begegne, die schon von weitem "Foté oder Porto" rufen, was so viel heisst wie: "Weisse" und mich unbedingt berühren möchten. Ich bewundere ihre gezöpfelten Köpfchen mit vielen farbigen Krälleli. Und dann die Freude über den eben installierten Wasserboiler! Ich habe jetzt heisses Wasser zum Abwaschen! Welche Wonne das ist - na ja, wenn wir dann Strom haben... Oder mein Basilikumbeet, das seit Wochen einfach grünt und wächst und ich unendlich viel Pestosauce machen kann. Da sind noch die süssen Ananas und Mangos, die ich mir jeden Morgen zum Frühstück leisten kann, weil sie für unsere Begriffe so billig sind. Und immer wieder sind Avocados vom Baum im Garten zu geniessen. Letzte Woche haben wir uns kindlich gefreut, als wir in der Nähe von uns ca. 100 m Sandstrand am Meer fanden, der täglich gereinigt wird. Nun können wir dorthin zum Lesen und aufs Meer hinausschauen! Ich bin irgendwie viel sensibler geworden für Schönes - vielleicht weil es so viel Schwieriges und Unschönes zu sehen gibt. Hier gibt es nur Überfluss an Armut, Krankheit und Abfall und kein Überfluss an Schönem, Gutem und Gesundem. So suchen wir die Perlen oder eben die Farbtupfer im Alltag und finden sie auch - nicht immer so offensichtlich aber oft sehr unverhofft und überraschend.
farbige Frisuren der Mädchen in unserem Quartier

Lesen ohne Abfallberge vor den Augen

unsere neuste Errungenschaft: ein Wasserboiler
Basilikum und kein Ende in Sicht



Avocadobaum im Garten

Samstag, 18. Mai 2019

Der erste Lack ist weg - Fazit nach über 100 Tagen Conakry!

Nun sind wir also schon genau 110 Tage hier in Conakry zu Hause - Zeit, kurz inne zu halten und Fazit zu ziehen: Um es vorwegzunehmen: der grosse und vielprophezeite Kulturschock ist bislang ausgeblieben, was ja nicht heissen muss, dass er nicht noch kommen wird. Vor kurzem erzählte uns ein langjähriger Afrikakenner, dass bei ihm der Kulturschock nach drei Jahren erst kam... Doch nichts desto trotz ist vieles gewöhnlicher, gewohnter, mühsamer oder einfacher geworden. An die schlechten Strassen zum Beispiel habe ich mich nicht gewöhnt, im Gegenteil, sie nerven mich zurzeit immer mehr. Mit der Armut rund um uns herum tagtäglich konfrontiert zu werden ist gewohnter geworden, was mich achtsam werden lässt, dass ich es nicht zu übersehen beginne. Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich keine Abwaschmaschine habe, und dass das Kochen und Küche machen fast doppelt so lange dauert. Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich die Waschmaschine nur starten kann, wenn Stadtstrom da ist - letztens dauerte es fast zwei Tage, bis es wieder Strom gab. Manchmal kommt er mitten in der Nacht, aber dann mag ich dann nicht aufstehen und die Maschine in Gang setzen. Es wird zusehends mühsamer beim Einkaufen immer über den Preis verhandeln zu müssen - anfänglich machte das noch Spass - nun bin ich in der Versuchung, das Geforderte zu zahlen, einfach um so rasch als möglich weiterzukommen. Ich als effizient arbeitender Mensch finde es mühsam, viel Zeit mit verhandeln, Grussformeln und - floskeln und anderes zu "vergeuden", und gleichzeitig gehört dies hier dazu, und ich bin aufgefordert, mich dieser Kultur zu stellen. Auf der anderen Seite empfinde ich das Leben hier weniger hektisch, die paar wenigen Termine, die ich habe, kann ich gut im Kopf behalten und brauche keine Agenda mehr. Also, nicht dass man jetzt meint, ich arbeite hier nichts und geniesse nur das Leben - irgendwie ist man hier einfacher gestrickt - ich schaue am Morgen, was heute zu tun ist und mache mich an die Arbeit. Wir geniessen die Vielfalt an Früchten und Gemüsevariationen: zurzeit sind die Mangos reif, an jeder Ecke gibt es diese wunderschönen Früchte für wenig Geld zu kaufen - eine Augenweide. Nun wird der Speiseplan mit Mangokuchen, getrocknete Mangos, Mangokonfitüre, Curry mit Mango und vieles mehr ergänzt.
Wir stehen am Anfang der Regenzeit - erste heftige Gewitter haben wir erlebt und auch der Frust, dass das frischgedeckte Dach an einigen Stellen doch (noch)nicht dicht ist. Also stehen wir nun manchmal nachts um 1.00 h auf, um mit den unterschiedlichsten Gefässen aus der Küche die undichten Stellen zu unterstellen - die Stimmung ist dann nicht gerade auf dem Höhepunkt. Wir hoffen, dass wir diese Situation mit unserem Zimmermann noch entschärfen können, da uns die Aussicht auf mehrere Monate Regenzeit mit unterbrochenem Schlaf nicht gerade in Hochgefühle versetzt.
So kommen immer wieder Erfahrungen dazu, die wir noch nicht gemacht haben - zurzeit ist der Ramadan im Gange und das haben wir auch noch nie so hautnah erlebt. Das tägliche Leben in Conakry ist während dieser Zeit anders geworden, langsamer, stiller. Wir beobachten und machen unsere Gedanken. Fazit: wir sind immer noch neu hier, vieles ist immer noch ungewohnt und es braucht wohl weitere 100 Tage, um weiter heimisch zu werden. À bientôt!
Mangosegen

Der hat gefühlt und ungezählt 1000 Füsse!

Süsskartoffel-Frites

 An diese Strassen gewöhne ich mich wohl nie.

Montag, 15. April 2019

Wer in Guinea lebt, hat deutlich weniger Probleme


Bevor wir nach Westafrika umgezogen sind, habe ich mir immer vorgestellt, dass das Leben sehr hart sein wird, und dass wir mit unzähligen unbekannten Problemen konfrontiert sein werden. Nun nach fast drei Monaten Leben in Conakry, der dichtbevölkerten Hauptstadt Guineas, komme ich zu einem anderen Schluss: na ja, natürlich gibt es viele und andere Probleme, als diejenigen, die wir in der Schweiz hatten. ABER: viele Probleme, die wir in der Schweiz hatten, scheinen hier in Luft aufgelöst:
Ich muss nie mehr Angst haben, dass ich mich beim Duschen verbrühe - hier gibt es nämlich nur kaltes, resp. von der Sonne gewärmtes Wasser, das aus der Duschebrause strömt. Und wenn ich grad beim Duschen bin: es besteht absolut keine Gefahr, dass der Wasserstrahl zu stark sein könnte resp. man braucht wirklich keine Spardusche, das Wasser rinnt sehr spartanisch aus der Brause und es besteht keine Gefahr der Wasserverschwendung. Also - und abends muss man nie überlegen, ob sich die Dusche lohnt: die Füsse sind immer rotbraun und die Fingernägel haben immer Trauerränder - vor und leider meist auch grad wieder nach dem Duschen.
Ich bekomme nie mehr Bussen von einem blechernen Polizisten: es gibt keine Radarfallen und auch keine Geschwindigkeitslimiten und was das Schönste ist: es gibt keine Verkehrsampeln, also man muss nicht mal rot von grün unterscheiden können. Leider gibt es trotzdem viele Polizisten in Fleisch und Blut und diese verteilen sehr gerne Bussen, auch wenn man absolut korrekt und ohne Fehler gefahren ist, also: dieses Problem ist nicht ganz gelöst... Aber Verkehrsschilder muss man auch keine kennen, bis vor kurzem gab es nämlich keine in der ganzen Stadt - nun hat es plötzlich eine ganze Menge überall, aber die Meisten stehen komplett falsch. Gestern sah ich ein Stopschild mitten auf einer geraden Strasse, weit und breit keine Kreuzung in Sicht - na ja, dieses Schild wird ja auch von niemandem beachtet.
Beim Wäsche falten gibt es auch ein Problem weniger: man sucht keine zwei gleichen Socken - wir tragen nämlich nie mehr Socken - und wenn ich bei der Bekleidung bin: wenn ich in den Ausgang gehe, was ich zwar nie mache, weil es nichts zum ausgehen gibt - aber falls ich gehen würde: ich muss nie studieren, ob es abends kühl wird und ich eine Jacke brauche - es wird nie kühl hier, ich brauche nie eine Jacke.Und so kann ich mir die Zeit auch sparen, abends im TV Meteo zu schauen: ein halbes Jahr ist es trocken und feuchtheiss und das andere halbe Jahr regnet es und ist feuchtheiss. Da könnte sogar ich Meterologe sein.
Wenn ich noch kleine Kinder hätte, müsste ich auch nie zum Kleintierzoo fahren: auf dem Weg zum Einkaufen begegnen mir Hühner, Gänse, Enten, kleine Bibeli, Hunde, Katzen - vor kurzem kam mir auf einer dichtbefahrenen Strasse eine Schafherde entgegen, notabene ohne Hirten. Und heute Morgen stand vor einem Restaurant eine kleine Ziegenherde mit kleinen Zicklein. Ah ja, sogar Kühe ziehen durch Conakry, immer ohne menschliche Begleitung, keine Ahnung, wo die jeweils herkommen. Ich sehe auch  nirgends ein Stück Wiese oder Gras. Wahrscheinlich fressen diese Tiere Staub hier.
Ja, und das absolut Schönste: der Basilikum erfriert nie mehr, weil man ihn zu früh nach draussen gesetzt hat:-), im Gegenteil, er erfriert natürlich nie und er wächst wie ein Turbo!
So könnte ich noch länger weiterfahren - dieser Post soll dazu beitragen, dass nicht der Eindruck erweckt wird, in Afrika zu leben sei partout schwierig.



Freitag, 29. März 2019

Armut - was geht mich das an?

Seit wir in Conakry leben, werden wir auf Schritt und Tritt mit Armut konfrontiert - manchmal ist es für mich schwierig, alles einzuordnen: einerseits diese Bilder hier, diese Situationen, unsere Nächsten, die in tiefster Armut leben. Anderseits die Bilder, die wir aus der Schweiz und Deutschland erhalten: alles ist schön, sauber, ja auch luxeriös, Bilder von feinem Essen, schönen Restaurants, wunderbaren Skigebieten usw. Und wir sind da irgendwo dazwischen. Bedrückt mich die Armut so, dass ich nicht mehr froh sein kann oder schaue ich nicht hin, werde ich immun dagegen? Ich merke, dass beides schlecht ist und mir nicht gut tut. Eine Freundin schreibt mir diese Tage: es hilft, mit Armut umzugehen, wenn man konkret etwas dagegen tun kann. Es muss nichts Grosses sein, aber es soll tatkräftig sein. Und so geht es mir hier dann auch so: wenn ich mich jemandem zuwenden kann, etwas Kleines oder Grosses tue, dann weicht das lähmende Gefühl "es ist so unmöglich" von mir. Je länger ich hier bin, merke ich, wie sensibler und empfänglicher ich für kleine schöne Dinge werde: die Begegnungen im Quartier mit unseren armen Nachbarn sind oft so grosse Geschenke für mich: eine Zeichnung, die ich geschenkt bekomme, hingebungsvoll von einem Mädchen nebenan gezeichnet, berührt mein Herz stark. Oder der Automechaniker, der nebenan von der Hand in den Mund lebt und unser Auto provisorisch flickt, damit wir rasch auf den Markt können, könnte ich grad umarmen vor Dankbarkeit - was ich natürlich nicht mache... Und er will kein Geld dafür, hier, wo man für alles immer und überall vorab bezahlen muss! Ich überlege, warum dies so ist - diese neue Sensibilität: ich glaube es ist, weil ich hier nicht im Überfluss lebe, weil ich nicht alles und sofort instant mir besorgen kann. Ich bin froh, dass ich dies noch erleben kann mit meinen über 50 Jahren. Und ich wünsche mir, dass wir in der Schweiz auch wieder achtsamer werden für die kleinen schönen Dinge.

Freitag, 8. März 2019

Kakimbo - unsere neue Heimat

Wenn ich morgens aufwache, muss ich noch immer wieder studieren, ob wir nun wirklich hier wohnen - hier in dieser grossen Stadt Conakry, der Hauptstadt Guineas. Vieles erscheint uns immer noch so unwirklich - diese neue Welt - unser Leben ist komplett auf den Kopf gestellt. Währenddem ich hier schreibe, sitzt mein Mann bei uns im Garten im sogenannten Rondell zusammen mit 5 Nachbarsjungen im Alter von 5 - 8 Jahren, die er heute Morgen kennengelernt hat: Sie erzählten ihm, dass sie nicht zur Schule gehen, weil die Eltern das Schulgeld nicht bezahlen können. Also hat er sie kurzerhand eingeladen, um mit ihnen zu zeichnen, schreiben und Papierflieger zu basteln. Draussen vor dem Tor stehen noch einige andere Jungs, die auch kommen wollen und die immer wieder rufen. Unser Quartier Kakimbo, wo wir wohnen, ist dichtbevölkert. Die meisten Häuser sind sehr ärmlich und die Leute holen das Wasser bei der Wasserstelle. Und überall hat es Kinder, viele Kinder. Hier in Guinea werden die Kinder bis zweijährig verhätschelt, rumgetragen, gestillt und sie weinen nie. Sobald ein Geschwisterchen kommt, ist die schöne Zeit vorbei. Ab circa zweijährig laufen sie oft alleine durchs Quartier, bestenfalls schaut eine Schwester oder ein Bruder zu ihnen. Viele Kinder gehen nicht zur Schule, eben wie erwähnt wegen dem fehlenden Schulgeld. Jedes Kind, das zur Schule will, braucht eine Uniform- eine beige Hose und eine beige Bluse, geschlossene Schuhe und einen Rucksack oder ähnliches. Dazu kommt das Schulgeld, monatlich ca. 5 Euro. Viele können das nicht bezahlen und so bleiben die Kinder halt zu Hause, lungern irgendwo rum oder müssen zu Hause hart arbeiten. Diese Kinder haben sozusagen keine Chance weiterzukommen. Bildung verändert Leben, ein wichtiger Grundsatz unserer Organisation - und nun sehen wir hier praktisch, wie nötig das ist.
Unsere Prioritäten haben sich sehr verändert - vieles, das uns in der Schweiz wichtig war, hat hier absolut keine Relevanz mehr. Hier gibt es zum Beispiel nicht 15 verschiedene Einrichtungshäuser mit diesen Sachen für "schöner Wohnen": hier bin ich froh, wenn ich überhaupt eine Nachttischlampe finde - meine Lieblingsfarbe ist auch nie dabei.
Heute Morgen machten wir einen Besuch im Augenspital, das eine Mitarbeiterin unserer Organisation vor bald 15 Jahren gegründet hat: auch hier sind die Verhältnisse so komplett anders als in der Schweiz: Die Wartezimmer überfüllt, die Wartezeiten sehr lange, die Geräte sehr einfach, überall Leute und ein Durcheinander, das aber irgendwie zu funktionieren scheint - man könnte es sich bei uns nicht vorstellen. Hier ist man einfach nur froh, wenn man die Möglichkeit bekommt, dass ein Augenarzt in die Augen schaut und bei Bedarf z. B. den Grauen Star für umgerechnet ca. 60 Euro operiert. Im Falle einer OP kommt noch ein Teil der Familie mit und bringt die Verpflegung für den Patienten mit.
Auf unserem regelmässigen Spaziergang zum Meer runter, begegnen wir vielen Menschen, vor allem Kinder - wir reden, wir fragen nach und wir bekommen viel Herzlichkeit, Fröhlichkeit und Dankbarkeit geschenkt. Es scheint einem, dass hier niemand einsam ist - die Guineer schauen zueinander, sie leben Gemeinschaft. Und wir werden mitten hinein genommen. Das ermutigt uns weiterzumachen, mit den vielen "kleinen Tropfen" auf dem heissen Stein zu leben. Lohnt es sich? Lohnt es sich nicht? Wir denken, jedes Lächeln, jede kleine Geste lohnt sich und wir werden selber beschenkt dabei.
Bügeln - etwas einfacher dafür stromunabhängig

Wartesaal in der Augenklinik mit der Fondatrice

Instrumente bereit für die Augenoperationen

OP-Tisch bereit mit Mikroskop
Der letzte Schrei von Nachttischlampen - bisschen retro - nicht?