Montag, 5. April 2021

Durchkreuzte Pläne

Ich schreibe diesen Post in der Schweiz, vor genau 5 Wochen sind wir in Zürich Flughafen gelandet - voller Vorfreude und Spannung, es sollten vier Wochen Ferien werden, in denen wir unseren neugeborenen Enkel Eli kennenlernen wollen.

Doch kaum in der Schweiz gelandet, erkranken zuerst mein Liebster und sechs Tage später auch ich an Corona - wahrscheinlich angesteckt im Testzentrum in Conakry, wo wir einen negativen Test bekamen, um fliegen zu können. Nun sitzen wir knapp drei Wochen in Isolation, krank, schwach, fiebrig, hustend, verschnupft und enttäuscht. Durchkreuzte Pläne - alles war so schön geplant, organisiert und budgetiert. Nun auf einmal ist alles anders. Schock, Trauer und Wut lösen sich ab. Gut gemeinte Worte wie: "Geniesst die Ruhezeit, sicher soll diese Zeit für etwas Gutes sein", wollen anfänglich nicht so geglaubt werden und trösten nicht. Doch dann kommen auch Gefühle und Gedanken der Dankbarkeit hinzu: wir sind in der Schweiz, wir sind medizinisch versorgt, die Spitex bringt uns die Medikamente, liebe Freunde kaufen ein und versorgen uns. Wir sind in der grösstmöglichen Sicherheit. Und viele Freunde leiden echt mit uns mit, so berührend ist das. Ich habe Zeit zum Nachdenken: wie flexibel bin ich? Wie reagiere ich, wenn meine Pläne nicht aufgehen? Auflehnung, Abwehr, Ergebung? Es hat ein bisschen von allem dabei. Irgendwann geht es dann aufwärts, wir geniessen nun das Grosselternsein intensiv und verschieben unsere Abreise um eine Woche. Vorsorglicherweise machen wir nochmals einen Test - dieser könne lange positiv bleiben, "ermutigen" uns einige Leute. Wir glauben nicht so recht daran - wir sind ja wieder einigermassen genesen. Doch leider kommt es genau so: mein Liebster, der eher krank wurde und schneller wieder gesund, ist noch positiv - und ich, noch rekonvaleszent, bin bereits wieder negativ. Wir können ja nur fliegen mit einem negativem Test. Und wieder geht es los: was sollen wir tun? Wer kann uns in Conakry vertreten? Wie lange dauert das an? Wieder umplanen, neue Unterkunft suchen, wir begnügen uns mit den wenigen Kleidern, die wir dabei haben. Gleichzeitig erwacht die Freude, die warmen Frühlingstage zu geniessen und mit Freunden und Familie Ostern feiern zu dürfen. Nochmals drei geschenkte Tage mit unseren Kindern. Langsam gewöhne ich mich an den Gedanken, alleine zurückzureisen. Vor ein paar Tagen wäre das noch keine Option gewesen, nun kommt eine Ruhe und Gelassenheit vom Himmel her - doch, ich kann es mir vorstellen, alleine zurückzufliegen. Und gleichzeitig bin ich überzeugt, dass der nächste Test in dieser Woche für BEIDE NEGATIV ausfallen wird. Wir wollen zurück in unsere zweite Heimat, wo wir erwartet, gebraucht und zu Hause sind. Und sollte es wieder nicht so kommen wie geplant: ich möchte lernen, meine Pläne durchkreuzen zu lassen, anzunehmen, was mir vor die Füsse gelegt wird und darauf zu vertrauen, dass aus Durchkreuztem Gerades und Entwirrtes wird. Es ist wieder ein Stück Lebensschule und etwas schmerzlich realisiere ich, dass ich noch lange nicht ausgelernt habe.




vor Abflug in Conakry

 

langes Anstehen und viele Kontrollen
gut geschützt....

Geschenkte Zeit  
Lago Maggiore im Vorfrühling - wir geniessen es!

Sonntag, 13. Dezember 2020

Weihnachten in Westafrika - Passt das?

 Nun erleben wir bereits die zweite Advents- und Weihnachtszeit hier in Guinea und auf Instagram, FB, WhatsAppstatus und Co. bewundere ich die Kollektionen von Weihnachtsbäckereien und -dekorationen, die mir aus Europa übermittelt werden. Alles sieht so wunderbar aus und duftet wohl auch gut - nur lässt sich dies über social media (leider noch) nicht übermitteln. Aber und wieder will sich bei mir keine so richtige weihnächtliche Stimmung einstellen. Sicher liegt es auch daran, dass es hier seit vielen Wochen einfach saumässig heiss und feucht ist, und ich von morgens bis abends und von abends bis morgens fast ununterbrochen schwitze. Beim Guetzlibacken schmolz der Teig und meine Lust zum backen in nullkommaplötzlich davon. Vorhin überlegte ich, ob ich wohl jetzt endlich heute - schlussendlich ist bereits der 3. Advent - das einzige aufgestellte Kerzli anzünden soll. Doch ich entschied mich wiederum dagegen - allein der Anblick einer Kerzenflamme treibt mir den Schweiss wieder aus allen Poren.

Doch es sind nicht nur das andere Klima, der fehlende Schnee und Weihnachtsmärkte, die diese festliche Stimmung dämpfen. Es ist etwas Anderes: hier in Guinea herrscht KEINE Weihnachtsstimmung, es gibt kein Glanz und Gloria, es existiert keine heile Welt. Der Grossteil der Menschen hier kämpft ums Überleben, sie sind geplagt von Krankheiten - Covid-19 ist noch die Harmloseste davon. Die Kinder sterben an Malaria, Durchfall und misslungenen Blinddarm-Operationen. Die Mütter sterben wegen mangelnder Hygiene bei der Geburt oder weil sie einfach zu schwach sind nach 8 und mehr Schwangerschaften. Sie leben zu zehnt auf 4 Quadratmeter, sie essen jeden Tag Reis mit Sauce. und das Wort Freitzeitbeschäftigung existiert nicht in ihrer Sprache. Die Kinder können nicht zur Logopädin, die Eltern gehen nicht in die Erziehungsberatung und es gibt keine Abklärung bei einer Lernschwäche. Die Väter bekommen auf dem Sanitätsposten die Medikamente und die ärztliche Behandlung für ihre Familie erst dann, wenn sie das Bargeld auf den Tisch legen. Anschliessend bekommen sie keinen Rückerstattungsbeleg für die Krankenkasse, weil es die nämlich gar nicht gibt. Überall liegt Dreck und Abfall, die Wasserleitungen werden nicht geflickt, und wenn kein Strom kommt, dann kommt halt keiner. Fertig. Schluss. 

Und da schiesst es vor einigen Tagen wie ein Blitz in mein Herz hinein, in dieses Herz, das gerade nur noch das Schwere, Traurige, Ungerechte und Unvollkommene sieht: genau in diese Welt ist unser HEILand, unser Retter und unser Immanuel-Gott mit uns - hineingeboren worden. Plötzlich kommt es mir vor, als wäre Conakry das Bethlehem von damals: stinkig, ärmlich, überfüllt mit heimatlosen Menschen. Schafe und Ziegen ziehen durch die Strassen - die Hirten kommen mir in den Sinn. Sie waren die Ersten, die das *Ehre sei Gott in der Höhe* hörten. Und mein Herz wird wieder froh: Weihnachten ist nicht Glanz, Glitter, Kerzenschein und Guetzliduft: Es wird Weihnachten überall da, wo der Friedefürst, Wunderrat und ewig Vater hineinkommt und Erlösung und Heilung bringt. Dieses kleine Baby im Stall von Bethlehem bringt Hoffnung und Frieden in die verlorene, stinkige, arme und ungerechte Welt - oh lasset uns anbeten, oh lasset uns anbeten den König der Könige!


Lasst uns einstimmen in das wunderbare Lied von Chris Tomlin:

In Bethlehem one holy night
A host of angels filled the sky
They sang to tell the world who weits
Our Savior comes this Christmas Day

God is with us, Christ our Savior
Jesus our Emmanuel
he shall reign our King forever
the hope of Israel (Guinea)

The wise men traveled from afar
They followed close a shining star
With costly gifts before Him lay
Our King was born this Christmas Day

Peace on earth, goodwill to men
Let violence and all hatred end
For born to us the Prince of Peace
This Christmas Day our song shall be

YOU`RE THE HOPE OF ISRAEL (GUINEA)



Sonntag, 20. September 2020

Katapult

Lange schon wäre ein Blogeintrag fällig - doch mein Hirn war mit so vielem anderem besetzt, dass ich keinen klaren Gedanken in die Tastatur hineinbrachte. Heute will ich es versuchen, schreiben ist ja bekanntlich hilfreich zum verarbeiten. Heute vor fünf Wochen haben wir in Zürich Flughafen eingecheckt und landeten knapp 12 Stunden später in Conakry. Es wäre eigentlich eine problemlose Reise, wenn nicht die weltumspannende Krankheit und Thema Nr. 1 mit uns geflogen wäre - Covid 19. Schon im Vorfeld gab es viele Unsicherheiten, -zig unterschiedlichste Informationen, Flugpreise, die täglich stiegen, Gültigkeitsdauer der Testresultate, die sich fast täglich verkürzten und Visa, die scheinbar nicht mehr gültig seien, obwohl wir unseres erst im Februar erneuerten. In Zürich waren wir zusammen sieben Erwachsene und zwei Kinder, die denselben Flug nahmen und beim Check-in bekamen alle eine andere Auskunft: bei den einen war das Visa gültig, bei den anderen nicht, obwohl es genau das Gleiche war. Bei den einen war der Covidtest ok, bei den anderen zu alt. Eine Kollegin, die für dieselbe Organisation arbeitet wie wir es tun, bekam die Auskunft, dass sie keine Berechtigung habe, in Guinea einzureisen; uns hingegen liessen sie durch. Der Puls und der Blutdruck waren schon angestiegen, als wir dann alle, wirklich alle, drei Minuten vor Schalterschluss durch die Schranke gingen. Dies verdanken wir dem guineischen Konsul in Genf, der doch tatsächlich am Sonntagmorgen früh an sein direktes Telefon ging und uns die Einreise per Emailbestätigung direkt an den Check-in Schalter bewilligte! "Wie wird das erst in Conakry bei der Imigration werden, wenn die bereits in Zürich so schwierig tun!" Dieser Satz ging uns allen durch Kopf und Herz. Doch oh Wunder, von da an lief alles wie geschmiert. In Conakry Flughafen ist alles gut organisiert, Füsse aufgemalt am Boden, überall genügend Leute, die peinlich darauf achteten, dass wir genau auf diese Füsse stehen. Bei der Passkontrolle war zwar noch etwas umständlich, aber wider allen Erwartens stehen wir bald einmal mit 9 Personen und total 17 Gepäckstücken und nochmals sovielen Handgepäcken auf dem Parkplatz, wo wir von unseren einheimischen Mitarbeitern herzlichst empfangen wurden. Unerklärlicherweise fehlt ein Gepäckstück - na ja, unsere Kollegen nehmen es gelassen, das wird schon noch irgendwann nachkommen.

Guinea hat uns wieder oder besser gesagt: wir haben Guinea wieder. Schon auf dem Weg nach Hause fühle ich mich wie von einem Katapult geschossen, hinein in eine andere Welt. Und so geht es mir die ersten 3-4 Wochen hier in Conakry. Obwohl ich bereits 15 Monate in Conakry gelebt habe, fühlt es sich gerade sehr komisch an. Der Unterschied zwischen Schweiz und Guinea könnte wohl nicht grösser sein. Durch den Lockdown bedingt haben wir in der Schweiz die Natur und die vielen Annehmlichkeiten wohl noch mehr genossen und es richtig in uns aufgesogen. Nun sind wir zurück in unserem Gastland ohne die rosarote Brille, die wir bei unserer ersten Einreise noch trugen. Die Realität wird mir schmerzlich vor Augen geführt. Dieser chaotische Verkehr, dieser Dreck, der vor allem in der jetzt herrschenden Regenzeit noch offensichtlicher ist, diese Armut überall. Es braucht doch einige Tage, bis ich mich wieder zurechtfinde, vor allem in meinen Gefühlen und Gedanken. Was ist es denn eigentlich, was mich hierher zurückgezogen hat? Es sind die Menschen! Wir werden überall so herzlich und freudig empfangen und begrüsst. Ich höre wieder die Kinder und das quirlige Leben auf der Strasse. Das ist es, was ich in der Schweiz vermisst habe! Die Leute freuen sich und können es nicht glauben, dass wir zurück sind. Sie meinten, wir seien auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Und nun sind sie wieder da, die Weissen! Und es macht Sinn, hier zu sein. Wir  haben viele Pläne und Ideen, wollen umsetzen, was wir in der Schweiz in unseren Köpfen ausgeheckt haben. Einiges wird gelingen, anderes nicht. Doch wir wissen, dass wir am richtigen Platz sind und die richtige Aufgabe haben.

Zwischenlandung in Mauretanien



 

           
Monsieur Pierre ist wieder da    
    
Und auch Madame...

Donnerstag, 16. April 2020

Zuhause in der Schweiz - wirklich zu Hause?

Das Ziel wäre gewesen, einen Blogbeitrag zu unserem einjährigen Guinea-Jubiläum zu schreiben - dies war Ende Januar 2020 fällig, der Entwurf ist immer noch vorhanden. Doch es kam nie zur Veröffentlichung. Die vergangenen zweieinhalb Monate waren die intensivsten, traurigsten, stressigsten und zugleich fröhlichsten Monate unserer Zeit hier in Conakry. Oh nein, Entschuldigung - während ich schreibe, sitze ich in unserem Haus in der Schweiz, die Sonne scheint mir ins Gesicht, die Amsel singt, und ich trage den dicken Pullover, damit ich nicht friere. Die Ereignisse überstürzten sich in den letzten vier Wochen, man kann es gar nicht in Worte fassen. Wir sind nun fünf Wochen früher als geplant in die Schweiz zurückgekehrt, weil uns leider das Coronavirus, wie fast allen anderen Menschen auf dieser Welt auch, einen Strich durch die Terminplanungsrechnung gemacht hat. Nach langem Hin und Her haben wir uns entschlossen, das Land bereits jetzt zu verlassen und in die sichere Schweiz zurückzukehren. Wir können für unsere Freunde in Guinea nicht mehr viel tun, Sie kennen besser als wir - auch wegen der überstandenen Ebolaepidemie - die Massnahmen, die man treffen kann und muss.

Noch nie in meinem Leben fühlte sich mein Herz so zweigeteilt an wie jetzt: ich fühle mich hier in der Schweiz aber auch dort in Conakry zu Hause. Seit ich hier bin, möchte ich dort sein - als ich dort war, wollte ich hier sein - natürlich auch und vor allem wegen unseren Kindern. Aber auch dort haben wir unsere Kinder, keine leiblichen zwar, aber viele ans Herz gewachsene. Ich bin hier in Sicherheit und habe alles und noch viel mehr, was ich zum Leben brauche - meine Freunde dort können nur von Tag zu Tag leben, auf der Suche nach Nahrung, nach sauberem Wasser für die jetzt so nötige Händehygiene und mit dem fast unmöglichen Versuch, das social distancing irgendwie einzuhalten.

Flughafen- und Grenzöffner
So beschäftigen mich die Fragen: wieso habe ich den schönen roten Pass, der mir einen Rückführungsflug ermöglicht hat und der mir eine Heimat garantiert, die zwar verändert ist, aber in meinen Augen der Himmel auf Erden ist? Ich habe eine Regierung, die für das Volk denkt, die jede Berufsgruppe irgendwie im Auge behält, die überlegt und weise handelt, die keinen eigenen Profit aus der schlimmen Lage schöpft und die versucht, gerecht für alle zu entscheiden. Im Laden hat es zwar gerade keinen Blätterteig mehr, aber morgen ist das Gestell wieder aufgefüllt. Wieso gerade ich und nicht meine Nachbarin in Conakry? Diese Fragen sind nicht neu, weder für dich noch für mich, aber heute gerade wieder sehr aktuell. Ich könnte den ganzen Tag nur danken für alles, was ich da einfach so habe und gleichzeitig weinen über diese Ungerechtigkeit in dieser Welt.
Dies alles motiviert mich aber unglaublich, weiter zu hoffen und zu glauben, dass unser Tropfen auf den heissen Stein weiterhin Früchte trägt, es motiviert uns, bereits wieder an eine Ausreise nach Guinea zu denken und zu hoffen, dass es bald wieder Flüge geben wird, die uns in das uns liebgewonnene Land und zu den lieben Leuten zurückbringen. Wir lassen uns von den vielen Schwierigkeiten nicht aufhalten, den Menschen Hoffnung zu bringen, sie zu ermutigen und sie auszubilden.
Ich wünsche mir sehr, dass auch wir Schweizer aus der Krise lernen, dass wir merken, dass weniger auch mehr sein kann. Wenn wir auf etwas verzichten, bleibt etwas mehr für diejenigen, die wenig oder nichts haben. Lasst uns diese Menschen nicht vergessen, sie können nichts dafür, dass sie keinen roten Pass haben!



Sie können es nicht glauben, dass wir weggehen!

Wie gross werden die sein, wenn wir zurückkommen?





Sonntag, 8. Dezember 2019

Heimat und Entschleunigung

Nun sind wir also bereits über 10 Monate in Westafrika zu Hause - ja, tatsächlich, ich schreibe "zu Hause" - es ist ein bisschen Heimat geworden - vieles ist gewohnt oder man hat sich daran gewöhnt - Nestbau, auch hier in Conakry, der hässlichsten Hauptstadt der Welt, wie es uns ein Freund vor unserer Ausreise schmackhaft gemacht hat...Doch was macht Heimat aus? Für mich ist es ganz einfach: da, wo man sich angenommen und geliebt fühlt, wertgeschätzt, willkommen halt. Und so will und kann ich damit leben, dass ich an verschiedenen Orten auf der Welt zu Hause bin - in der Schweiz bei meinen Kindern und Familie und Freunden und hier in Guinea bei unseren neugewonnenen Freunden. Die guineischen Nachbarn sind mir ans Herz gewachsen, die vielen Kinder, grosse und vor allem die Kleinen, die Mütter mit den Babys am Rücken. Alle sie wärmen mein Herz, wenn sie mir begegnen. Immer ein freundliches Grüssen, ein Nachfragen nach der Gesundheit und der Familie. Hier ist niemand in Eile und kreuzt meinen Weg nicht mit einem Tunnelblick, im Gegenteil - trotz viel Anstrengung und Arbeit, die der Alltag hier für alle bringt, alle haben Zeit für einen kurzen Schwatz.
Wenn jemand in Eile ist, dann bin ich das - schnell schnell noch einkaufen, aber das funktioniert nicht: als ich vor Kurzem wirklich in Zeitdruck und mit einer langen noch "to do List" in meine Einkaufsboutique ging, war die ganze Belegschaft gerade am Reis essen und das am Boden sitzend beim Eingang - keine Chance, irgendwie in den Laden zu gelangen. So hiess es also für mich, Zähne zusammenbeissen und überlegen, wie ich diese Situation auch ohne innerlichen Wutanfall bewältigen könnte. Zu meinem Glück zahlte sich dann aus, dass ich bereits "best friend" mit dem Ladenchef bin - er spürte wohl mein Dilemma und bot mir seine Hilfe an: er meinte, er könne ja schon mal mit Quittung schreiben beginnen. Da ich gut schweizerisch einen Einkaufszettel geschrieben hatte, konnte ich ihm vorlesen, was ich dann nachher kaufen möchte. Quittung schreiben dauert doch eine Weile, jedes Produkt einzeln aufschreiben - aber zuerst noch den Block suchen, dann den Kugelschreiber suchen, der dann aber nicht schreibt - im Laden eine neue Schachtel mit Kulis suchen und dann kann es beginnen. Nach der Quittungsschreiberei war dann der Reistopf auch leer, und so konnte mit dem Zusammensuchen meiner gewünschten Produkte begonnen werden. Nur: die Oliven, die Madame möchte, diejenigen ohne Steine, sind nicht vorhanden - also der "Petit" oder Lehrling wird losgeschickt in die Nachbarläden, um "olives dénoyautées" zu suchen. Die er dann auch findet - nur der Preis ist natürlich anders, als derjenige, der bereits auf der vorgeschriebenen Quittung steht. Im letzten Augenblick konnte ich verhindern, dass die ganze Prozedur mit neuer Quittungsschreibung wieder von vorne beginnt - weil durchstreichen ist hier nicht vorgesehen... wir einigten uns dann auf den bereits aufgeschriebenen Preis zu meinen Gunsten. Entschleunigung würde das wohl im Westen heissen - wo es auch ausgeschriebene, teure Kurse und Seminare gibt, um Entschleunigung zu lernen. Hier in Afrika ist das gratis und täglich zu haben - für mich als effizient und organisiert denkender Mensch eine Lebensschule.
Noch zurück zum Einkauf: seit ungefähr 6 Monaten bekomme ich immer nach jedem Einkauf ein gekühltes Tonic geschenkt, weil der Ladenchef sehr schnell gemerkt hat, dass es das Lieblingsgetränk von Madame ist. Und dies ist bei dieser Hitze in der ungekühlten Boutique und 90 % Luftfeuchtigkeit ein lebensrettendes Detail. Ah ja, und noch dies: der Stempel "payé" war auch verschwunden - so nahm er nach  Suchen den Stempel "non payé" und strich das "non" wieder durch.............

Montag, 23. September 2019

Spannend oder spannungsvoll?

Von Natur aus bin ich ein Mensch, der gerne Probleme löst und zwar schnell und effizient und möglichst mit wenig Aufwand - es ist nicht so, dass ich es immer gerne harmonisch hätte, aber Disharmonien, Spannungen und Probleme sind dafür da, dass man sie auflöst, entspannt oder eben löst. Nun begleitet mich schon seit längerem das Thema spannungsvoll leben und habe auch noch grad eine Ausgabe von AUFATMEN zu diesem Thema gelesen. Unglaublich spannend!

Seit ich und wir hier in Westafrika leben, ist unser Leben noch viel spannungsvoller geworden. Im Auto sitze ich immer wie eine gespannte Feder, jederzeit bereit, eine Vollbremsung oder ein Ausweichmanöver zu vollziehen, also es gibt keine entspannte Sonntagsfährtli mehr, niemals. Entweder ist der Verkehr so chaotisch und dicht, wie hier in der Stadt oder dann die Strassen so voller verschieden grosse und tiefe Löcher. Oder dann die Sache mit dem Geld: Geld ist überall und immer ein Thema und immer spannungsvoll: wieviel soll man geben, damit man bekommt, was man möchte? Eben putzt mein Mann Klinken in den Ministerien und im Zoll und im Hafen, damit er einen Schiffscontainer gefüllt mit medizinischem Material rausholen kann - überall ist Geld gefragt: für nötige Unterschriften, für Hafengebühr, für Hafenstrafgebühr, weil die nötige Unterschrift tagelang fehlte, für Containerbenutzungsgebühr, die viel länger dauerte, weil eben die besagte Unterschrift fehlte, weil der zu Unterschreibende angeblich in den Ferien sei und das Dossier im Büro eingeschlossen war und natürlich kein Stellvertreter ernannt wurde. Diese Geschichte entpuppte sich dann aber als falsche Geschichte, da das Dossier in einem anderen abgeschlossenen Büro lag und somit tage- und wochenlang unauffindbar war. Tägliche Anfragen für Geld bringen mich in grosse Anspannung: ist diese Anfrage berechtigt, was wenn ich nicht gebe? Es könnte sein, dass dann ein Kind stirbt, weil der Vater kein Geld (von mir bekommen) hat, um die nötigen Medikamente zu bezahlen. Es könnte aber auch sein, dass das Kind putzmunter ist und der Vater einfach gerne ein neues Handy möchte... Es kommt dazu, dass die meine westliche Denkweise eine völlig andere ist als die Denkweise der Afrikaner:
Folgendes habe ich heute gerade gelesen:

v  In Afrika gilt:
     Wenn jemand auf eine Besorgung geht, um einen Kauf für jemand anderes zu tätigen und ihm ein grösserer Betrag gegeben wird, als für den Kauf nötig ist, wird die Person, die die Besorgung durchführt, das Rückgeld normalerweise behalten, es sei denn, sie wird darum gebeten, es zurück zu geben. 
a Im Westen gilt:
v      Ein Westler erwartet, dass, wenn eine Person für ihn einen Kauf tätigt, alles Rückgeld als Eigentum des Westlers betrachtet wird und automatisch zurückgegeben werden muss, es sei denn, er sagt ausdrücklich: "Behalte das Rückgeld".
  ODER ein anderes Beispiel:  

v      In Afrika gilt: 
     Ressourcen sollen genutzt und nicht gehortet werden.

v     Das Geld muss ausgegeben werden, bevor Freunde oder Verwandte darum bitten, es zu "leihen".
      Im Westen gilt: je mehr ich auf dem Bankkonto habe, desto besser für meine Zukunft, für meinen Ruhestand

      Wer hat jetzt recht? Gilt meine Überzeugung oder die der Afrikaner? Eine echte Spannung! Und diese Spannung kann ich nun wirklich nicht auflösen - ich muss und will lernen, damit zu leben. Ich lerne von anderen, die schon länger hier leben, manchmal höre ich auf meinen Bauch und ein anderes Mal auf mein Herz. Und ab und zu schalte ich auch noch den Kopf ein.

      Und ich glaube es ja gar nicht!!: Eben schreibt mein Mann ein WhatsApp (stimmt im Fall wirklich, währenddem ich diesen Blog schreibe!!!): "ein Wunder: Hafen hat Strafgebühr von 8 Mio GNF annulliert und Maersk (Container) hat Mietgebühr um 30% auf 9 Mio GNF reduziert!" 
      Da soll Frau noch durchsteigen! Aber wir nehmen es dankbar an - wieder mal eine von vielen Spannungen gelöst, na ja fast - 9 Mio ist doch noch ein heftiges Sümmchen.
      Es bleibt spannend! (und die Formatierungen in diesem Text auch;-( )

  

 
Brücke und Frau unter Spannung

spannungsvoller Heimweg